Du hast vielleicht gar nicht zu viele Sachen, sondern ein ganz anderes Ordnungsproblem

zu viele Sachen
Ich haue mal eine These raus, die vielleicht ein bisschen irritiert: Vielleicht besitzt du gar nicht zu viel Zeug. Ja, wir alle besitzen heute mehr als frühere Generationen. Online-Shopping, Dauerangebote, saisonale Deko und der kleine Gedanke „Das könnte ich doch bestimmt gebrauchen“ machen es uns sehr leicht, Dinge anzuschaffen. Aber mehr Besitz bedeutet nicht automatisch mehr Chaos.

Inhalt

Oft suchen wir die Lösung am falschen Ort. Wir denken: Ich brauche weniger Sachen. Oder mehr Platz. Dabei liegt das eigentliche Problem häufig bei den Entscheidungen, die an unseren Sachen hängen, und bei Räumen, die nicht mehr zu unserem heutigen Leben passen.

Key Takeaways

  • Besitz ist erst dann zu viel, wenn er dein Leben, deine Räume und deine Entscheidungen dauerhaft belastet.
  • Mehr Wohnraum führt selten zu weniger Chaos, weil freie Fläche meist schnell wieder gefüllt wird.
  • Jeder Gegenstand bringt Entscheidungen, Pflege und Verantwortung mit und kann dadurch Mental Load erzeugen.
  • Ordnung entsteht, wenn Räume und Besitz zu deinem heutigen Alltag passen.

Der erste Fehler: Wir vergleichen unseren Besitz mit dem falschen Maßstab

„Ich habe viel zu viel Zeug“ ist ein Satz, den ich wirklich oft höre. Und ich nehme dieses Gefühl auch ernst. Wenn dich dein Besitz überfordert, dann hat das einen Grund.

Aber die entscheidende Frage lautet: Zu viel im Vergleich wozu?

Vergleichst du dich mit einer Minimalistin, die allein lebt? Mit einer Person, die gerade erst von zu Hause ausgezogen ist? Mit einem Haushalt, in dem gerade ein Baby geboren wurde und sich noch gar nicht so viel angesammelt hat? Oder vergleichst du deinen Haushalt mit einer Familie, die Kinder großgezogen hat, vielleicht inzwischen im Empty Nest lebt und über Jahre in einem Haus oder einer Wohnung gewachsen ist?

Das sind völlig unterschiedliche Lebenssituationen. Wer mit mehreren Menschen lebt, Kinder großzieht, Hobbys hat, im Homeoffice arbeitet oder viele Lebensphasen in einer Wohnung erlebt hat, wird natürlich andere Dinge besitzen als jemand mit einem ganz anderen Alltag.

Deshalb ist ein luftiger Schrank, den du irgendwo siehst, noch kein Beweis dafür, dass mit deinem Besitz etwas nicht stimmt. Er zeigt erst einmal nur: Dort lebt jemand anders, mit anderen Bedürfnissen, Gewohnheiten und möglicherweise auch mit einer ganz anderen Bereitschaft, Auswahl zu reduzieren.

Bevor du also alles infrage stellst, halte kurz an:

  • Mit wem vergleichst du dich gerade?
  • Haben diese Menschen eine ähnliche Wohnsituation?
  • Leben dort ähnlich viele Personen?
  • Gibt es vergleichbare Hobbys, Arbeitsweisen und Familienphasen?
  • Was ist dein persönlicher Maßstab für genug?

Der Maßstab kann nicht sein, dass dein Zuhause aussieht wie das einer fremden Person im Internet. Der Maßstab sollte sein, ob dein Besitz dein Leben unterstützt oder dir dauerhaft Energie zieht.

Mehr Wohnraum löst das Problem selten

Der zweite Gedanke kommt oft direkt hinterher: „Wenn wir nur ein Zimmer mehr hätten, wäre alles entspannter.“ Oder: „In einem Haus hätten wir endlich genug Platz.“ Ich sage es mal ganz klar: Das passiert eher selten.

Was ich fast nie gesehen habe: Jemand vergrößert sich wohnlich und besitzt anschließend dauerhaft weniger Dinge. Meistens wird die neue Leere Stück für Stück gefüllt. Erst kommt der Crosstrainer ins freie Zimmer, dann ein paar Umzugskisten, dann Dinge zum Zwischenlagern. Und schwupps ist der Raum auch wieder voll.

zu viele Sachen
Mehr Stauraum hilft nur dann, wenn nicht sofort neue Dinge darin landen.

Das ist kein persönliches Versagen. Leere auszuhalten ist für viele Menschen ungewohnt. Freier Raum fühlt sich schnell an wie ungenutztes Potenzial. Also wird er möbliert, dekoriert, befüllt und organisiert. Ein sehr typisches Beispiel sind große Häuser, in denen Kinder längst ausgezogen sind. Die früheren Kinderzimmer bleiben bestehen, die Schränke stehen noch da. Statt leer zu bleiben, werden sie nach und nach mit den Sachen der Person gefüllt, die noch im Haus lebt.

Der zusätzliche Platz hat dann nicht zu weniger Stress geführt. Er hat nur mehr Fläche geschaffen, die gepflegt, gefüllt und im Blick behalten werden will. Mehr Platz ist nicht automatisch mehr Entspannung. Entspannung entsteht eher dann, wenn du bewusst entscheidest, welche Funktion ein freier Bereich haben soll und was dort ganz bewusst nicht einziehen darf.

Das eigentliche Problem sind nicht zu viele Sachen: An jedem Gegenstand hängt eine Entscheidung

Hier kommt für mich der Kern des Ganzen: Nicht jeder Gegenstand ist per se belastend. Belastend wird er oft durch die vielen Entscheidungen, die er mitbringt.

Nehmen wir Schuhe. Viele Schuhe zu besitzen ist nicht automatisch schlecht, wenn du sie gern trägst. Aber an jedem Paar hängt etwas dran:

  • Welche Schuhe ziehe ich heute an?
  • Stelle ich sie nach dem Ausziehen zurück in den Schrank?
  • Oder lasse ich sie stehen, weil ich sie morgen vielleicht wieder anziehen möchte?
  • Wird morgen Sandalenwetter oder brauche ich geschlossene Schuhe?
  • Müssen die Schuhe gereinigt, imprägniert oder repariert werden?
  • Wann sortiere ich Sommer- und Winterschuhe um?

Das klingt nach Kleinkram, aber er summiert sich. Wenn dein Kopf nach einem langen Tag schon mit Arbeit, Familie, Essen, Terminen und allem anderen voll ist, hat er vielleicht einfach keine Lust mehr auf die nächste kleine Entscheidung.

Dann bleiben die Schuhe stehen. Am nächsten Tag kommen die nächsten dazu. Und plötzlich sieht die Garderobe chaotisch aus, obwohl du nicht deshalb überfordert bist, weil du Schuhe besitzt. Du bist überfordert, weil jede Sache einen kleinen Auftrag mitliefert.

Besitz und zu viele Sachen brauchen Aufmerksamkeit. Er möchte ausgewählt, aufgeräumt, gesucht, gepflegt, repariert, sortiert und irgendwann neu bewertet werden. Wenn diese Aufgaben die vorhandene Energie übersteigen, entsteht Chaos.

Deshalb kann ein Mensch mit vielen Dingen sehr ordentlich leben, wenn die Entscheidungen leichtfallen und die Systeme funktionieren. Für viele normale Haushalte ist genau das aber die Herausforderung: Wir sind nicht jeden Tag maximal entscheidungsfreudig und perfekt organisiert. Und das müssen wir auch gar nicht sein.

Unser Leben verändert sich, unsere Räume bleiben oft stehen

Ein weiterer Punkt wird beim Thema Ordnung oft übersehen: Unser Leben ist nicht statisch. Vielleicht war eine Wohnung ursprünglich für zwei Personen gedacht. Dann kamen Kinder dazu. Später arbeitet jemand im Homeoffice. Ein Kind braucht einen Schreibtisch. Hobbys verändern sich. Menschen ziehen aus. Bedürfnisse verschieben sich.

Der Raum bleibt aber häufig so eingerichtet, wie er vor Jahren einmal gedacht war. Ein Spielzimmer, das perfekt für ein kleines Kind war, ist vielleicht nicht mehr sinnvoll, wenn das Kind längst jeden Tag bis zum Nachmittag in der Schule ist und stattdessen einen guten Arbeitsplatz braucht. Ein Heimtrainer, der seit Jahren nicht benutzt wird, nimmt vielleicht genau den Platz ein, den du heute für etwas anderes dringend gebrauchen könntest.

Heller Raum mit Schreibtisch, Keyboard und Bücherregal

Das bedeutet nicht, dass alles Alte sofort wegmuss. Es bedeutet nur: Halte nicht aus Gewohnheit an Raumaufteilungen fest, die deinem Leben nicht mehr dienen.

Fragen, mit denen du Räume neu denken kannst

  • Wofür wird dieser Raum heute tatsächlich genutzt?
  • Welche Funktion hatte er früher?
  • Passt diese Funktion noch zu unserem Alltag?
  • Welche Dinge brauchen wir wirklich regelmäßig?
  • Was steht hier nur, weil es schon immer hier stand?
  • Wo brauchen wir heute Entlastung, Arbeitsfläche oder Bewegungsfreiheit?

Manchmal braucht es kein größeres Zuhause. Manchmal braucht es eine neue Funktion für einen vorhandenen Raum, eine andere Aufteilung oder schlicht den Mut, große Dinge neu zu bewerten.

Wann du tatsächlich zu viele Sachen besitzt

Natürlich gibt es Haushalte, die wirklich zu viele Dinge haben. Die Frage ist nur: Woran merkst du das, ohne dich mit irgendeinem fremden Ideal zu vergleichen? Ein ziemlich klares Zeichen ist fehlende Flexibilität. Wenn du nichts mehr umstellen kannst, weil alles millimetergenau in die Wohnung hineingepuzzelt wurde, dann ist dein Besitz wahrscheinlich zu groß für den Raum und das Leben, das du gerade führst.

Weitere deutliche Hinweise sind:

  • Du kaufst Dinge doppelt, weil du nicht mehr weißt, was schon da ist.
  • Du behältst Fehlkäufe, statt sie zurückzusenden oder umzutauschen.
  • Du findest Dinge nicht wieder, obwohl du weißt, dass sie da sein müssen.
  • Du musst regelmäßig Stapel, Kisten oder Schubladen durchwühlen.
  • Du bist zu Hause dauerhaft gestresst, weil die Dinge einfach nicht funktionieren.
  • Du kannst Räume nicht an neue Lebenssituationen anpassen.

Wenn ein neu gekauftes Buch irgendwo auf einem Stapel verschwindet und nicht mehr auffindbar ist, obwohl es definitiv angekommen ist, dann ist das kein Zeichen dafür, dass man ein schlechter Mensch ist. Es ist ein sehr praktischer Hinweis: Das System und die Menge passen gerade nicht zusammen.

Überfüllter Kleiderschrank mit dicht hängender Kleidung und Kisten

Dann kann Ausmisten sehr sinnvoll sein. Nicht als Strafe. Nicht, weil du plötzlich minimalistisch leben musst. Sondern weil du dir wieder Handlungsspielraum schaffen möchtest.

Ausmisten ist nicht das Ziel, sondern ein Mittel

Ausmisten kann helfen, keine Frage. Aber es ist nicht immer die einzige Antwort und auch nicht das eigentliche Ziel.

Das Ziel ist ein Zuhause, das zu deinem Leben passt. Ein Zuhause, in dem du Dinge findest, Entscheidungen leichter treffen kannst und nicht bei jeder kleinen Veränderung das Gefühl hast, dass alles kippt.

Frag dich deshalb nicht nur: „Was kann weg?“

Frag dich auch:

  • Was dient meinem Leben gerade wirklich?
  • Was verursacht ständig kleine To-dos?
  • Welche Entscheidungen ermüden mich immer wieder?
  • Was müsste sich im Raum verändern, damit unser Alltag leichter wird?
  • Woran halte ich fest, obwohl es nicht mehr zu unserer jetzigen Situation passt?

Vielleicht ist die Antwort tatsächlich: ein paar Dinge dürfen gehen. Vielleicht ist die Antwort aber auch: Der Schreibtisch muss in einen anderen Raum. Das Spielzimmer darf sich verändern. Der Schrank braucht eine klarere Funktion. Oder du brauchst eine einfachere Regel für die Schuhe in der Garderobe.

Ordnung heißt nicht, möglichst wenig zu besitzen. Ordnung heißt, dass dein Besitz, deine Räume und dein Leben zusammenarbeiten.

Ein freundlicher Realitätscheck für deinen Besitz

Wenn du gerade das Gefühl hast, viel zu viel Zeug zu haben, geh nicht sofort mit riesigen Müllsäcken los. Schau erst einmal ehrlich hin.

  1. Stoppe den Vergleich. Prüfe, ob du dich mit Menschen vergleichst, deren Alltag völlig anders aussieht.
  2. Beobachte deine Entscheidungen. Welche Gegenstände erzeugen ständig kleine Aufgaben und mentale Belastung?
  3. Sieh dir deine Räume an. Passen sie noch zu deinem heutigen Leben oder zeigen sie noch eine alte Lebensphase?
  4. Suche nach praktischen Warnzeichen. Doppelte Käufe, verlorene Dinge, übervolle Flächen und Dauerstress sind wichtige Hinweise.
  5. Schaffe Handlungsspielraum. Gib Dingen eine Funktion, verändere Strukturen und trenne dich von dem, was deinem Leben nicht mehr dient.

Du musst nicht in einem leeren Zuhause wohnen, um dich leichter zu fühlen. Du darfst Dinge mögen, sammeln, Kleidung lieben, Bücher besitzen oder Materialien für dein Hobby haben.

Aber dein Zuhause sollte dich nicht permanent mit offenen Entscheidungen, Suchaktionen und schlechtem Gewissen überrollen. Es darf dich tragen. Und es darf sich mit dir verändern.

Bleib also nicht bei der Frage stehen, ob du zu viel Zeug hast. Frag lieber: Was davon passt noch zu meinem Leben und was macht es unnötig schwer?

Über Sabine
Ordnung war schon immer eine Leidenschaft von mir. Eine ordentliche Wohnung ruft tiefe Entspannung und Freude bei mir hervor! Leider, leider bin ich eine faule Socke, die zwar sortierte Wäsche liebt, aber eigentlich lieber ein Buch lesen würde. Also machte ich mir Gedanken zu folgender Frage: „Wie kann ich eine maximal ordentliche Wohnung mit minimalem Einsatz bekommen?“ Und das ist nun meine Mission! Viel Ordnung mit wenig Aufwand!
 

Hier findest du alle Beiträge von Sabine.

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